Polen
Für Polen ist es die siebte WM-Teilnahme, und die zweite in Folge nach einer längeren Durststrecke. Man qualifizierte sich souverän hinter England als einer der zwei punktbesten Zweiten der Europagruppen, und das mit herzerfrischendem Offensivspiel. Nach erfolgter Qualifikation kam man allerdings etwas ins Schleudern, die Leistungen in den Freundschaftsspielen waren stark schwankend. Könnte gut daran liegen das Polens Mannschaft aus ganz alten, abgezockten Hasen besteht, die sowas langweiliges wie Freundschaftsspiele nicht mehr ernst nehmen.
Was man spielt:
Alles, aber in irgendeiner Form offensiv. In den meißten Fällen läuft es schon auf ein 4-4-2 hinaus, wie viele andere osteuropäische Teams besetzt man allerdings viele ungewöhnliche Mittelfeldpositionen, so das man an einem stark fast nur mit einem Flügel spielt, am nächsten ein 4-5-1 mit ganz, ganz vielen Außenspielern. Noch dazu hat man viel rumprobiert in den letzten Jahren, besonders jetzt auch in den Freundschaftsspielen. Es ist also wirklich schwer vorherzusagen welches Spielsystem es denn nun sein wird. Es ist auch eigentlich die falsche Frage - diese Mannschaft besteht zu einem guten Teil aus Schwejks, zu einem guten Teil aus harten Brocken und fast alle haben sie in ihren langen Karrieren mehrere Auslandsstationen hinter sich. Alles an diesem Team schreit laut "Turniermannschaft".
Das Personal
Torwart: 9,0
Auf dieser Position hatte Polen noch nie wirkliche Probleme, so auch zur Zeit nicht. Jerzy Dudek ist zwar beim FC Liverpool nicht mehr erste Wahl, fast jede Ländermannschaft wäre aber verdammt froh wenn sie Dudek zwischen den Pfosten hätte. Er hat allerdings harte Konkurrenz bekommen, denn Artur Boruc spielt bei Celtic nicht nur, er war schlichtweg in seiner ersten Saison der helle Irrsinn. Der Riese aus der Legia-Jugend hielt was nur zu halten war, und so hat er tatsächlich Chancen auf die Nummer 1. Als dritter Mann kommt vor allem Wojciech Kowalewski von Spartak Moskau in Frage, auch ein sehr sicherer Torhüter. Luxuriöse Auswahl für den Trainer.
Abwehr: 7,0
Seit über einem dutzend Jahren verteidigt Jacek Bak für Polen, das heißt er spielt stur seine Kopfballstärke aus. Der Innenverteidiger hatte seine großen Zeiten bei Lyon und Lens, spielt jetzt für Al-Rayyan in Katar. Fast genau so lange (allerdings mit ein paar Unterbrechungen) gehört die linke Abwehrseite Tomasz Rzasa (ADO Den Haag), sicherlich noch aus seiner Zeit bei Feyenoord ein Begriff. Und auf rechts regiert Marcin Baszczynski (Wisla Krakau). Diese drei scheinen ziemlich gesetzt, etwas unklarer ist der zweite Innenverteidigerplatz neben Bak. Zwei Ex-Bundesligaspieler sind unter anderem Kandidaten, die Tomasze nämlich, und zwar der Klos von Wisla Krakau (Ex-Lauterer) und der Hajto von Derby County (War bekanntlich Zebra und dann königsblau). Hajto hat sich in der zweiten englischen Liga allerdings ziemlich aus dem Kader gespielt. Auch etwas wackelig ist inzwischen Arkadiusz Glowacki, der nächste Krakauer, und so wird wohl Mariusz Jop (FK Moskau) nach Deutschland mitfahren. Auf rechts ist Michal Zewlakow (RSC Anderlecht) eine Alternative, er könnte etwas Eleganz in die ansonsten eher aus Meta-Boliden bestehende Abwehr bringen. Alle anderen Alternativen sind erst in jüngster Zeit aktiviert worden - wie schon erwähnt wurde gerade in den Freundschaftsspielen noch mal viel ausprobiert. Es sind dies für links Marcin Adamski (Rapid Wien) und Dariusz Dudka (Wisla Krakau), für rechts Bartosz Bosacki (Lech Posen) und Marcin Kus (Queen's Park Rangers), sowie zentral Seweryn Gabczarczyk (Metalist Charkow, Ukraine). Diese Abwehr zeichnet sich durch drei Dinge aus - sie ist unglaublich kopfballstark (kein Wunder bei dieser Ansammlung an slawischen Riesen), sie ist sehr gut aufeinander abgestimmt, und sie ist ganz schön langsam.
Mittelfeld: 6,5
Hier war noch ärgeres Experimentieren angesagt, man hat aber auch sehr unterschiedliche Spielertypen versammelt. Auf links spielt meißtens der nächste ehemalige Kaiserslauterer, Kamil Kosowski, zuletzt ausgeliehen an Southampton und dort auch nicht so wirklich der Bringer. Der offensivere Jacek Krzynowek (Bayer Leverkusen) wird eher bei einem 4-3-3 oder 4-5-1 als Halbstürmer eingesetzt. Myroslaw Szymkowiak ist so eine Art zentraler Ballverteiler, bei Trabzonspor deutlich offensiver ausgerichtet als in der Nationalelf. Eher defensiv hingegen Radoslaw Sobolewski (Wisla Krakau), im Ausland noch weitgehend unbekannter Veteran der polnischen Liga. Von defensiv bis offensiv, immer mit einer linken Schlagseite, hat Sebastian Mila (Austria Wien) eigentlich alles drauf - er ist aber der nächste Kandidat der nicht immer bei seinem Verein zum Zuge kommt. Noch einer mit schwer deutbarer Position ist Mariusz Lewandowski (Schachtjor Donezk, Ukraine), eigentlich spielt der immer da wo gerade ein Platz frei ist. Da die rechte Seite oft etwas unterbesetzt ist, kommt Ebi Smolarek (Borussia Dortmund) dort manchmal als Halbstürmer zum Einsatz, oder er geht gleich richtig in die Spitze. Alternativ gibt es für diese Position noch Damian Gorawski (FK Moskau). Will man defensiv beeindrucken, dann kommt Arek Radomski (Austria Wien) ins Spiel, ein giftiger Bursche der den Zweikampf liebt. Dazu hat man eine Vielzahl weiterer Spieler ausprobiert, von denen ich nur noch die wichtigsten aufzählen möchte, weil ich den Klang polnischer Namen so geil finde: Piotr Giza (Cracovia Krakau), Przemyslaw Kazmierczak (Pogon Stettin) und Marcin Burkhardt (Legia Warschau). Das sind also zwei drei nette Namen von denen man ungefähr weiß wo sie normalerweise spielen, und eine Batterie von Mitläufern plus ein paar Talente die das Mittelfeld je nach Bedarf auffüllen. Manchmal klappt es gut, wie in der Qualifikation, letzte Woche beim 0:1 gegen Litauen wars ne Katastrophe.
Sturm: 7,5
Noch vor einem Jahr mußte man sich ernsthafte Sorgen machen - da trafen eigentlich alle polnischen Stürmer. Derzeit befinden sich einige in einer Formkrise. Allerdings nicht Maciej Zurawski von Celtic Glasgow, der vorne im Sturm so einschlug wie Boruc hinten im Tor, und trotz zeitweiligem Verletzungsausfall in 24 Spielen bisher 16 mal traf. Zurawski spielt jede Position im Sturm, und er spielt sie alle gut. Eine eher durchwachsene Saison hatte sein Partner Grzegorz Rasiak, der in der Saison gleich für drei englische Clubs (Derby, Tottenham und jetzt Southampton) auf Torejagd ging. Er ist ein klassischer Mittelstürmer. Tomasz Frankowski, früher jahrelang Sturmpartner von Zurawski bei Wisla Krakau, komplettiert das auf der Insel aktive Stürmertrio, er spielt bei den Wolverhampton Wanderers. Der im polnischen Team auffällig kleine Frankowski wuselt gerne über die Flügel, er kann auch mit Smolarek eine extrem unangenehme Zange bilden, wobei Zurawski dann in die Mitte rückt. Nachdem Rasiak und Frankowski etwas schwächeln, haben auch im Sturm die Alternativen mehr Spielzeit bekommen. Andrzej Niedzielan vom NEC Nijmegen (Niederlande, als ob man das bei einer Stadt die die Buchstabenkombi ij beinhaltet dazu sagen müßte) hat in Holland gut getroffen, und dürfte als Allrounder zumindest einer für die Bank sein. Altmeister Marek Saganowski musste zwar eine schlimme Saison mit Vitoria Guimaraes (Portugal) durchstehen, an ihm lag es aber nicht, er hat seine Tore gemacht. Weitere Kandidaten: Pawel Brozek (Wisla Krakau, merke: Der aktuell treffsicherste Stürmer von Wisla ist immer ein Kandidat), Ireneusz Jelen (Wisla Plock), Grzegorz Piechna (Korona Kielce) und mit Lukasz Sosin sogar einer, der in Zypern (bei Apollon Nikosia) sein Geld verdient. Sie haben also einen echten Knaller, und dazu ne ganze Menge unterschiedlicher Optionen. Es wundert nicht, das diese Mannschaft in den letzten Jahren sehr viele Tore erzielt hat - man hat wegen der vielen guten Stürmer neben Brasilien fast als einziger regelmäßig mit der Offensivraute gespielt, das heißt vor einer Viererabwehrkette und zwei defensiven Mittelfeldspielern agierte man in Wirklichkeit mit 3 1/2 Stürmern. Sowas kann nur eine Mannschaft mit extrem viel Erfahrung erfolgreich spielen, und davor sollte man Respekt haben.
Chancen:
Die Polen sind wohl mit die größte Sphinx unter allen Mannschaften. Keiner weiß wie gut sie sind, sie selber warscheinlich auch nicht. Mal spielt man sich in einen Rausch, und mal zwingt man den Gegner dazu sich in einen Rausch zu spielen. Gut möglich das man mit Gewieftheit sehr weit im Turnier kommt, wär ja ein klassisches Team um die Engländer im Achtelfinale per Elferrittern heimzuschicken. In der Vorrunde werden sie ja allgemein als das Team nach Deutschland gesehen, es könnte aber auch sehr gut auf ein unangenehmes Gruppenendspiel gegen Costa rica geben. Dies ist übrigens sehr zu hoffen, denn so käme man wohl in den Genuss des offensivsten Spieles dieser Vorrunde. Costa Rica und Polen wollen nämlich beide immer nach vorne.