Paraguay
Das kleine Land mit großer Fussballtradition feiert schon seine siebente WM-Teilnahme. Die letzten vier Male konnte man dabei die zweite Runde erreichen, ein Ziel das diesmal noch übertroffen werden soll. Paraguay schickt die stärkste Mannschaft zu einer WM, die sie je hatten, gespickt mit international erfahrenen Spielern und hoffnungsvollen Nachwuchstalenten. Die Qualifikation gelang souverän, und sie gelang mit Bravour.
Was man spielt:
Paraguay spielt einen Fussball ganz eigener Prägung - zwischen den übermächtigen Giganten Argentinien und Brasilien entwickelte man, um mithalten zu können, den härtesten Abwehrbeton den die Welt je gesehen hat. Dieser wird mit Stolz und Hingabe gespielt, und mit sehr viel Erfolg. Nicht nur die immer starken WM-Auftritte sind legendär, wo man das Spiel der größten Mannschaften der Welt erfolgreich zerstörte (Das höchste Ziel eines paraguayanischen Fussballers war immer das gegnerische Spiel zu unterbinden), man konnte auch die Copa zweimal gewinnen und ist im letzten Jahrzehnt klar Südamerikas dritte Kraft geworden. Und nun hat man auch noch richtige Stürmer und starke offensive Mittelfeldspieler (Für Paraguay traditionell uninteressante und unbekannte Mannschaftsteile, sowas hatte man zum Kontern. Allerhöchstens, 0:0 ist ja auch schön, besonders gegen Brasilien) und kann das Spiel selber gestalten! Ay, Caramba, wir spielen 4-4-2, Muchachos, ja, sowas verrücktes was andere Länder machen! Ganz klar, man muss fast mehr wollen als sonst.
Das Personal
Torwart: 8,0
Die Ära nach Chilavert musste schwierig werden, und so hat es ein bißchen gedauert bis sich der neue Mann fest etabliert hatte. Er heißt Justo Villar, gilt in Südamerika als einer der stärksten Torhüter und hält für die Newell's Old Boys in Argentinien. Im Gegensatz zu Brasilien, wo alle Kinder Mittelfeldstar oder Stürmer werden wollen, ist Torwart oder Innenverteidiger in Paraguay eine geachtete, ja geliebte Position und deshalb hat man da eigentlich immer starke Leute. So sind auch die ersatzleute nicht zu verachten. Derlis gomez von Sportivo Luqueno machte in seinen Einsätzen einen sicheren Eindruck, genauso wie Diego Barreto von Cerro Porteno. Gut besetzt, wie immer.
Abwehr: 9,0
Carlos Gamarra ist mittlerweile 35, spielt inzwischen bei Palmeiras Sao Paulo und hat seinen letzten großen Auftritt vor sich. Der Jürgen Kohler des lateinamerikanischen Fussballs verrichtet nach wie vor untadelig, knüppelhart und angemessen sein Handwerk. Nach wie vor einer der beschissensten Leute denen man so während einem Fussballspiel begegnen kann. Unterstützt wird er zentral von Julio Caceres (River Plate Buenos Aires), der wie ein zehn Jahre jüngerer Klon von Gamarra wirkt. Das ist ein Weltklasseinnenverteidigerduo, aber wenn Paraguay was anderes zur WM schickt dann ist auch das ganze Land beleidigt. Man kann ausscheiden, aber nicht ohne kaputtgetretene gegnerische Stürmer. Links werden die beiden unterstützt von Denis Caniza (Cruz Azul Mexico City), ganz erfahren und fast immer gut, ein kleiner Kämpfer. Dazu Paulo da Silva von Toluca in Mexico, und fertig ist eine der unangenehmsten und eingespieltesten Viererketten der Welt. Alle scheinen noch dazu bei ihren Vereinen derzeit in Topform zu sein. Gönnen wir uns noch einen Blick auf die wahrhaft formidablen Alternativen - zum Beispiel Jorge Nunez (Estudiantes La Plata, Argentinien) auf links, wenn man wirklich grob werden will. Ein Wüterich und klassischer Gelbabholer. Dann Julio Manzur vom FC Santos in Brasilien, Altstar Francisco Arce von Libertad Asuncion, Delio Toledo von Real Saragossa, Juan Caceres von Estudiantes La Plata und Dario Veron von den UNAM Pumas in Mexico - das ist eine ganze Batterie von ausgezeichneten Verteidigern, die eigentlich alle echte Leistungsträger in ihren Vereinen sind. Vom Allerfeinsten, und darauf ist man mit Recht stolz.
Mittelfeld: 7,0
Man darf gespannt sein - da Paraguay hier ein ganzes Rudel hungriger, interessanter Jungspieler ausprobiert hat, kann es gut sein das wir ein paar Überraschungen erleben. Da sollte mehr als Konterspiel drinnen sein, obwohl man auch dafür die richtigen Leute an Bord hat. Carlos Paredes (Reggina Calcio) ist der Kopf des Unternehmens Mittelfeld, ein torgefährlicher Hitzkopf für das zentrale oder linke Mittelfeld. Bei Reggina (und vorher bei Porto) ein echter Schlüsselspieler, da er Verantwortung übernimmt und dahin geht wo es weh tut. Eigentlich ein toller Fussballer, macht aber trotzdem viel Drecksarbeit, so ne Art Zvonimir Soldo. Angel Ortiz von Atletico Lanus (Argentinien) könnte im defensiven Mittelfeld eingesetzt werden, hat aber zuletzt seinen Stammplatz verloren. Ähnliches gilt für Carlos Bonet von Libertad Asuncion. Falls man aber Beton anrühren will, sind die beiden ganz schnell wieder im Getümmel, denn dafür sind sie da. Diego Gavilan von den Newell's Old Boys sieht aus wie die erste Wahl für die rechte Seite, der nächste kleine Giftzwerg. Viel Spass wünsche ich schon jetzt Herrn David Beckham. Edgar Barreto war die Entdeckung der Qualifikation, er hat gerade eine sehr starke Saison mit dem NEC Nijmegen (Niederlande) gespielt und sich dringend für höhere Aufgaben empfohlen. Sehr variabler Spieler, defensiv wie offensiv einsetzbar. Julio dos Santos vom FC Bayern ist ja erstmal zu den Amateuren weitergewandert, das Talent wird gerne mal irgendwann eingewechselt und spielt dann hinter den Spitzen oder links. Toro Acuna ist bei Deportivo La Coruna nicht erste Wahl, im Nationalteam wird er gerne als zentraler Ballverteiler eingesetzt. Vielleicht bekommen wir da aber auch einen 18-jährigen zu sehen, Jose Montiel (Olimpia asuncion) sah bei seinen ersten Auftritten ganz stark aus. Weitere Alternativen: Aureliano Torres (Real Murcia, Spanien) oder Cristian Riveros (Libertad Asuncion). Ein interessantes Mittelfeld, auch wenn man in den letzten Spielen teilweise den Eindruck hatte als hätte man noch Angst vor der eigenen Courage. Man changiert etwas unschlüssig zwischen verschidenen Offensiv- und Defensivaufstellungen. Dennoch, das sieht viel hochkarätiger aus als noch vor einigen Jahren.
Sturm: 7,5
Ein neues Problem - man hat Auswahl! Früher war alles einfacher: Man nehme fünf defensive Mittelfeldspieler mit ordentlichem Wums die viel laufen können, nenne sie euphemistisch "Stürmer" und gebe ihnen entsprechende Rückennummern, mit Offensivkraft vortäuschenden Zahlen wie 9 oder 11. Fertig ist der Sturm. Heute hat man echte Stürmer, und auch noch verschiedene Typen. Noch nicht die ganz großen Namen, aber es wird. Von Beginn an dürften wohl Cardozo und Santa Cruz (wenn er ganz fit ist) spielen. Jose Saturnino (Wenn es sich lohnt sollte man den zweiten Namen immer mit erwähnen) Cardozo hat es nach einem Jahrzehnt bei Toluca in Mexico zu San Lorenzo nach Argentinien verschlagen. Hier lässt der Altstar seine Karriere ausklingen. In Paraguay ist der mann eine Legende, der beste Stürmer den man wohl jemals hatte, und man darf ihn bitte nicht unterschätzen nur weil er 35 ist. Viel ausgebufftere Spieler gibt es nicht, und mit Santa Cruz versteht er sich blendend. Roque Santa Cruz scheint nach langen Verletzungssorgen mal wieder rechtzeitig zu einem Großereignis fit zu werden. In Paraguays Spiel ist er eine ganz feste Größe. Hinter diesen beiden steht ein halbes Dutzend hungriger Spieler. Allen voran Salvador Cabanas, der nach seinen drei unglaublichen Spielzeiten für Chiapas in Mexiko (Dort trifft er fast wie er will) wohl auf jeden Fall irgendwo zum Einsatz kommen wird, und sei es im offensiven Mittelfeld. Cabanas ist ein Juwel und spielt nach der WM nicht mehr in Mexiko. Ebenfalls in Mexiko aktiv ist Nelson Cuevas, ein Mann für die Aussenpositionen. Er dürfte sich wohl mit Nelson Valdez von Werder Bremen um den ersten Einwechselplatz prügeln. Beide spielen jeweils eine ausgezeichnete Saison. Etzwas dahinter stehen Cesar Ramirez (Flamengo Rio De Janeiro), der den Sprung in den Kader ob seiner Flexibilität schaffen könnte, Dante Lopez vom FC Genua und Santiago Salcedo vom FC Tokyo. Das sind zumindest fünf richtig gute Leute, was Paraguay zu einem richtig gefährlichen Gegner anwachsen lässt.
Chancen:
Sind trotz einer schweren Gruppe gut. Man liebt ja in Paraguay schwere Gegner, weil man die demütigen kann. England als Auftaktgegner kommt da gerade recht. Danach geht es gegen eine der besten Offensiven der Welt, nämlich Schweden, vermutlich das Schlüsselspiel, denn Trinidad sollte in der letzten Begegnung keine Chancen haben. Machen wir uns nichts vor, Paraguay wird den Europäern wie gewohnt alles abverlangen, gegen Schweden gab es bisher nur eine Begegnung (1950 bei der WM, ein 2:2, hört sich auch jetzt nach nem guten Tip an), gegen England hat man sich 86 ne böse klatsche abgeholt, ein dickes 0:3. Kann man also was gutmachen. Falls man weiterkommt, könnte es gut sein das man auf Deutschland trifft. Für alle WM-Gucker, die sich gerne nen Aussenseiter zum Daumen drücken aussuchen - mit Paraguay kann man nichts falsch machen, das ist Fussball für Männer.