Tunesien
Für Tunesien ist es schon die vierte Teilnahme, und die dritte hintereinander. Als einziger der Favoriten konnte man die mit Marokko und Guinea äußerst starke Qualifikationsgruppe gewinnen und sich einen Platz in Deutschland sichern. Dabei spielte man sehr disziplinerten und zum Teil mehr als ansehnlichen Fussball. Diesmal will man unbedingt die Vorrunde überstehen, und mit der wohl stärksten tunesischen Mannschaft aller Zeiten stehen die Chancen dafür nicht so schlecht.
Was man spielt:
Die Tunesier sind durch WM- und Confedcupauftritte eine gut bekannte Größe. Man spielt traditionell mehr französisch als arabisch, also ziemlich strenges 4-4-2. Man kennt sich aus den Jugendnationalmannschaften, ist gut eingespielt und im allgemeinen ballsicher. Man hat viel mehr Auslandsprofis als in früheren Jahren (tunesische Spieler sind sehr gefragt), wobei die eigene Liga auch nicht von schlechten Eltern ist, man beherrscht seit Jahren die afrikanischen Cups und fungiert als Übergangsliga für afrikanische Jungtalente nach Europa und auf die arabische Halbinsel. Ein Problem ist das notorisch schlechte Nervenkostüm wenn es gegen große Mannschaften um die Wurst geht, und gelegentliche Disziplinlosigkeiten. Man spielt mindestens so hart wie in Spanien und fällt mindestens so oft einfach mal hin wie in Italien. Hat die Mannschaft eigentlich nicht mehr nötig, denn man besitzt inzwischen echte Klasse.
Das Personal
Torwart: 5,0
Ein Schwachpunkt. Urgestein Ali Boumnijel (Früher lange in Gueugnon und Bastia, jetzt beim größten tunesischen Club Esperance Tunis) ist immer noch erste Wahl, man hat halt keinen besseren. Khaled Fadhel von Erciyesspor in der Türkei wirkt zumindest ebenbürtig, sprich auch Mittelklasse.
Abwehr: 7,5
Man hatte immer schon gute Abwehrspieler, mit glänzendem Stellungs- und Kopfballspiel. Das hat die Welt erkannt, und so spielt die erste Garde mittlerweile komplett im Ausland. Radhi Jaidi von Bolton hat sich bestens im englischen Fussball etabliert, aber da mag man bekanntlich auch wuchtige, kompromißlose Hühnen. Ein Mann den sich jede Abwehr wünscht, für die harte Zone direkt vorm Tor. Er bildet normalerweise ein Pärchen mit dem jungen Karim Hagui von Racing Strasbourg (Auch ein 1,90-Mann), wenn der nicht ganz rechts aufgestellt wird. Ansonsten spielt Hatem Trabelsi von Ajax Amsterdam rechts, und der eingebürgerte Ex-Brasilianer Jose Clayton, der bei Al Sadd in Katar spielt, links. Das ist eine verdammt starke und noch dazu eingespielte Abwehr, die sich eigentlich auch gegen gute Teams behaupten sollte. Ersatzleute sind Veteran Khaled Badra (Esperance), Alaeddine Yahia vom AS Saint Etienne, Karim Saidi von US Lecce oder Anis Ayari von Samsunspor in der Türkei. Auch das sind gute Leute. Erst seit diesem Jahr spielt David Jemmali von Girondins Bordeaux für Tunesien - der Rechtsverteidiger ist eigentlich viel zu stark um ihn auf der Bank zu lassen. Gegen ihn spricht natürlich das der Rest seit Jahren eingespielt ist, aber der erfahrene Fuchs sollte das hinbekommen. Im Endeffekt ist es egal, an der Abwehr wird es wohl nicht scheitern.
Mittelfeld: 6,0
Hier hat man etwas größere Probleme, und deshalb auch mehr experimentiert. Die Nürnberger Jaouhar Mnari (defensives Mittelfeld) und Adel Chedli (etwas offensiver) waren zumeißt gesetzt, aber Chedli hat in Nürnberg arg geschwächelt. Khais Ghodbahne von Konyaspor rennt die linke Außenbahn rauf und runter und ist dabei sehr torgefährlich. Oder Chaouki Ben Saada, ganz junger Mann von Bastia, übernimmt diesen Job. Der ist zwar nicht torgefährlich, aber schnell. Riadh Bouazizi von Erciyesspor kämpft mit Mnari um dessen Position, der Veteran versprüht etwas mehr Sicherheit. Slim Ben Achour (Vitoria Guimaraes, Portugal) ist für rechts vorgesehen, allerdings defensiv schwach. Ergängzungsspieler sind Hamed Namouchi, Talent von den Glasgow Rangers, Karim Essdiri von Rosenborg Trondheim (den ich mir wegen seiner sehenswert wahnsinnigen Spielweise wünschen würde) und Sofiane Melliti von Gaziantepspor. Viel Talent, viele sehr ordentliche Spieler, aber nicht ganz die große europäische Klasse. Veteran Mehdi Nafti von Birmingham City leidet noch unter den Folgen eines Kreuzbandrisses, und wird wohl bedauerlicherweise nicht mehr fit werden. Sehr schade, ist ein großer Kämpfer.
Sturm: 5,5
Der Star heisst Francileo dos Santos, ist mit dem Namen natürlich sofort als gebürtiger Tunesier erkennbar und spielt derzeit in Toulouse. Nicht ganz so erfolgreich wie in den Jahren zuvor bei Sochaux, wo er zeitweise eine richtige Tormaschine war, aber der Mann ist ein Klassestürmer der in jedem Spiel sein Tor machen kann. 18 Tore in 28 Spielen für Tunesien sprechen eine deutliche Sprache. Der Platz neben ihm ist hart umkämpft, mit den besten Karten für Ziad Jaziri von Troyes, Haykel Guemandia von Strasbourg (trifft derzeit nicht), Ali Zitouni (ganz neu bei Troyes) und Issam Jomaa von Lens. Bei allen ist man sich nicht so ganz sicher ob sie wirklich das Zeug für den allerhöchsten Level haben. Aber das ist natürlich trotzdem deutlich vielversprechender als noch vor ein paar Jahren, als man doch arg ungefährlich war.
Chancen:
Nicht so schlecht, die Gruppe scheint machbar. Saudi-Arabien sollte man auf jeden Fall schlagen, gegen Spanien wird es schwierig (aber keinesfalls unlösbar) und im wohl entscheidenden Spiel gegen die international ziemlich grüne Ukraine hat man sehr gute Chancen. Sollte man zweiter werden, dann könnte man auf Frankreich treffen - und eigentlich gibt es für Tunesien nichts Schöneres. Könnte beim vierten Anlauf klappen mit der zweiten Runde.