England
Das Mutterland des... na, wer ist jetzt schon eingeschlafen? Reden wir doch mal nicht den üblichen Schmonz über England, sondern Tacheles. Die ewig erfolglosen Inselbewohner sind gerade dabei, mit der begabtesten Generation von Fußballern, die das Land seit den 60ern hatte, mal wieder nichts zu reissen. Schon in der Qualifikation lief es nicht rund, Tiefpunkt war eine spielerische Bankrotterklärung bei der Niederlage in Nordirland. Die Mannschaft scheint wieder einmal instabil, nervenschwach und sehr abhängig von der Form einiger Schlüsselspieler. Man kann jede Menge Druck erzeugen, hat eine unbarmherige, knochenharte Verteidigung - und doch verschenkt man mit schöner Regelmäßigkeit ganz leichte Spiele. Und so erfüllt sich vielleicht die Hoffnung eines jeden wahren Fußballfans - David Beckham gewinnt mit England einfach garnichts.
Was man spielt:
Eriksson hat England defensiven Langweilerfußball verordnet, mit schnellen Kontern und jeder Menge Gefahr bei Standardsituationen. Damit fuhr man ganz gut, inzwischen ist der Stil aber bei den Fans gründlich verhasst. Kein Wunder, im Endeffekt spielt man wie Deutschland in den 80ern, nur nicht so erfolgreich. In den letzten Jahren hat der eigensinnige Schwede viele Leute ausprobiert, nur um bei der WM noch mal einen ganzen Schwung ganz neuer Kräfte zu bringen. Taktisches Genie, oder doch eher Verzweiflungstaten eines Mannes der eigentlich schon mit seinem Team abgeschlossen hat? Einige Entscheidungen in Bezug auf den Kader, besonders im Sturm, lassen eher die zweite Variante warscheinlich erscheinen. Ein Team mit großem Potential, daß sich aber schon jetzt zig Varianten des Scheiterns scheunentorweit offen lässt.
Das Personal
Torwart: 7,5
Paul Robinson (Tottenham Hotspurs) ist sicherlich der seit langem beste Mann zwischen Englands Pfosten, kein Wunder bei all den Schießbudenfiguren die man dort nach Shilton ertragen musste. Robinson gehört keineswegs zu den Topleuten der Welt, aber er ist wenigstens ruhig und auch nicht nur auf der Linie brauchbar. Sein Ersatzmann, David James von Manchester City, ist dagegen schon die klassische Seaman-Varioante, in jedem Spiel ein Klops. Scott Carson, Nachwuchsmann vom FC Liverpool (allerdings ausgeliehen an Sheffield Wednesday), soll wohl einfach etwas Turnierluft schnuppern.
Abwehr: 9,5
Man spielt fast immer mit Viererabwehrkette, und die Grundformation scheint dabei klar zu sein. Auf links Ashley Cole (Arsenal London), fast die ganze Saison verletzt, aber eigentlich auf der Seite unersetzlich. Zentral geht ein Platz an Rio Ferdinand (Manchester United), der andere wohl an John Terry (Chelsea London), derzeit in überirdischer Form. Ferdinand kann auch vor die Viererkette rücken, falls Ericksson, wie so oft, extra Beton anrühren möchte. Gary Neville (Manchester United) kämpft auf der linken Seite, nicht so spektakulär wie Cole, sondern eher von der zuverlässigen Sorte. Alternative auf allen (!) Positionen ist Jamie Carragher (FC Liverpool), der zuletzt immer stärker ins Team drängte, da er immer Leistung bringt. Eriksson hat ihn sogar im defensiven Mittelfeld eingesetzt, irgendwo findet er wohl seinen Platz. Sol Campbell (Arsenal London) ist inzwischen sowohl im Verein als auch der Nationalelf etwas ins zweite Glied gerutscht, für eine WM nimmt man so einen Kanten aber natürlich mit. Letzter Verteidiger ist noch ein Mann für die linke Seite, Wayne Bridge, von Chelsea an den FC Fulham ausgeliehen und eher überraschend im Aufgebot. Klar der beste Mannschaftsteil, weswegen Eriksson gerne auch mal fünf Verteidiger einsetzt.
Mittelfeld: 9,0
Jahrelang hatte man hier enorme Probleme, bis man irgendwann endlich eingesehen hat das Posh Beckham niemals ein Spielgestalter wird - in dem Moment viel einem plötzlich auf das es da ja Frank Lampard (Chelsea London) gibt, und alles wurde schon mal deutlich besser. Lampard geht dahin wo es weh tut, übernimmt Verantwortung und wird von Jahr zu Jahr immer noch stärker. Klarer Chef in der Zentrale, gibt auch das Tempo vor. Auf rechts der Mann von Posh Spice (Real Madrid), kann Freistöße schießen. Dort könnte auch Steven Gerrard (FC Liverpool) spielen, aber da dort Poshy T-Shirts verkaufen muss, wird Gerrad in die Mitte zu Lampard geschoben. Die beiden wechseln sich offensiv und defensiv schön ab, und sorgen für ne Menge Torgefahr - was allerdings bei dem Ein-Mann-Sturm, mit dem Eriksson derzeit operiert, auch dringend nötig ist. Für Joe Cole (Chelsea London) ist so oft kein Platz mehr in der Startformation, was schade für den wohl elegantesten englischen Spieler ist. Möglich ist sein Einsatz von Beginn an vor allem wenn Lampard mit in die Spitze rücken sollte. Die anderen Optionen im Mittelfeld kommen zum Teil sehr überraschend, eigentlich waren alle bisher höchstens Ergänzungsspieler. Da wäre zunächst Jermaine Jenas, ein schneller Mann von den Tottenham Hotspurs, der für Beckham rechts spielen kann, oder auch in der Zentrale. Da ist Owen Hargreaves von Bayern München, ein klassischer defensiver Mittelfeldmann. Ein ähnlicher Typ ist Michael Carrick (Tottenham Hotspurs), guter Passgeber und sehr mannschaftsdienlich spielend. Wenigstens einen klassischen linken Mittelfeldspieler hat man auch noch an Bord, Stewart Downing vom FC Middlesbrough, hochbegabter Flügelflitzer, aber auch er mit schwerer Verletzung in der Saison. Könnte gut sein das die linke Seite von einem Abwehrspieler oder sogar Joe Cole übernommen wird, Downing wirkt doch noch etwas grün. Obwohl man rechts schon ziemlich gut besetzt ist, fährt als letzter Mittelfeldspieler der 19-jährige Aaron Lennon (Tottenham Hotspurs) mit nach Deutschland. Der kleine Rennfloh ist aber wohl eher für den einen oder anderen Kurzeinsatz gut. Ein ganz schönes Vabanque-Spiel, auf das sich Eriksson da einlässt, hinter den arrivierten Kräften steht eine international doch recht unerfahrene Mannschaft. Und dann die große Frage - warum müssen es denn gar so viele Mittelfeldspieler sein, wenn von vier Stürmern, die man mitnimmt, einer verletzt, und ein zweiter völlig unerfahren ist? Naja, die erste Besetzung hat auf jeden Fall schon Klasse.
Sturm: 6,5
Man schüttelt den Kopf und fasst es nicht. Okay, nur vier Stürmer, das machen ein paar Trainer so. Aber die Auswahl ist schon recht wahnsinnig. Michael Owen ist ein klarer Fall, zwar von Real Madrid zu Newcastle United abgeschoben, aber trotz sicherlich nicht besonders guter Form wenigstens einer mit viel internationaler Erfahrung. Hängt sich immer voll rein für England, toller Fußballer. Wayne Rooney (Manchester United) wäre sein logischer Partner, vor allem da Owen ja gerne zentral spielt, während Rooney eher über die Flügel kommt. Leider ist Rooney aber verletzt, und die Chancen der Engländer, ihn spielen zu sehen, stehen wohl erst ab Achtelfinale einigermaßen gut. Peter Crouch, der spielstarke Riese vom FC Liverpool, spielt eigentlich auch am liebsten zentral, und ist deshalb vielleicht trotz Rooney-Ausfall zunächst nur Ersatz. Ein Jammer, Crouch ist in wirklich guter Form. Erster Anwärter auf den zweiten Stürmerplatz ist somit Frank Lampard, oder vielleicht sogar Jamie Carragher. Denn als vierten Stürmer hat Eriksson den 17-jährigen Theo Walcott im Aufgebot, während der Saison vom FC Southampton aus der zweiten Liga zu Arsenal London gewechselt, und dort noch eine Einsatz im ersten Team. Nun ist Walcott zwar ein klassischer Flügelstürmer, aber wohl doch etwas sehr unerfahren für die erste Elf. Kein Jermain Defoe von Tottenham, kein Bent von Charltopn Athletic - dabei ist das ein 22-jähriger Flügelstürmer, der mit 18 Treffern auch noch bester englischer Torschütze in der abgelaufenen Premier League-Saison war. Eriksson hat ihn zu Hause gelassen, weil er ihm zu unerfahren war. Um dann Walcott für dieselbe Position mizunehmen. Bekloppt, und das gehört auch bestraft. Mit dem Sturm darf eigentlich nichts gehen.
Chancen:
Die Chancen wären eigentlich gut gewesen, wenn man in den letzten zwei Jahren ein festes Team aufgebaut hätte, und wenn man die besten Leute mitnehmen würde. Beides hatte man anscheinend nicht nötig, also kann es eigentlich auch diesmal nichts werden. Hauptfrage ist wohl eher ob sie schon in der Vorrunde an Paraguay und Schweden scheitern, oder dann an Deutschland, Holland oder Argentinien im Achtel- oder Viertelfinale. Theoretischer Topfavorit, der zumindest mich kein Jota überzeugen kann, aber ich lasse mich gerne überraschen.